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stuhlUndHund

Der Stuhl, 4’33“

Hier ist frei, sehen Sie jemanden sitzen, nein, also freier geht es nicht, bitte setzen Sie sich. Mit Sitzen kenne ich mich aus, obwohl ich selbst mein ganzes Leben gestanden bin. Die Tragödie eines Stuhls, Sie verstehen. Was hat sich die Sprache dabei gedacht? Ein Stuhl kann stehen oder liegen, sitzen kann er nicht. Genau wie ein Bett, es liegt nicht, es wird belegt. Oder nehmen Sie das Leben. Das Leben lebt nicht, solange es niemanden gibt, der es auf sich nimmt, also es wird gelebt.

Wie komme ich auf diese Gedanken, bin ich Sokrates oder was, nein, nein, zu viel Bier, zu viel Wein und irgendwann wissen Sie nicht mehr, was Sie denken. Sie werden gedacht. In vino veritas, heißt es, allerdings wenn Sie mich fragen: Das Einzige, was Sie im Wein finden ist Wein. Die letzten zehn Jahre stehe ich in diesem Cafe und hab‘ so manches Glas abbekommen, aber Wahrheit war nie mit dabei. Was ich Ihnen sagen wollte, nach dem dritten fangen die Leute an aufs Polster zu kleckern, da können Sie Ihre Lebensversicherung darauf verwetten. Schauen Sie mich an. Apropos, was wollen Sie trinken. Wasser? Das habe ich gleich gemerkt, dass Sie etwas Besonderes sind. Am Ende ohne Kohlensäure, ein jeder nach seiner Art, Hauptsache, man kennt seine Straße zum Glück. Die meisten finden heute ohne Navi nicht einmal den Weg zu den eigenen Füßen. Ihre sind unter dem Tisch, falls Sie sich gefragt haben. Ich erzähle Ihnen jetzt etwas über den Lärm. Wenn es Sie nicht interessiert, hören Sie weg, Sie werden merken, dass es nicht funktioniert. Das ist der Punkt, ein Geräusch, wenn es da ist, ist es da fur jeden, der Ohren hat. Manche haben Ohren und haben gleichzeitig keine.

Hören Sie die Bedienung, wie sie Ihr Glas auf den Tisch stellt? Fast könnte man meinen, die Dinge waren von sich aus laut. Sind sie nicht. Sie werden laut gemacht. Der Mensch ist ein Lärmwesen, ein homo rumorosus, die Stille, das geatmete Nichts, das kann er nicht ertragen. Allein auf sich zurückgeworfen wäre er gezwungen, einen Gedanken endlich einmal weiterzudenken. Nicht auszumalen, was das Ergebnis wäre. So eine Einsicht, wenn Sie die mal besitzen, kriegen Sie so schnell nicht mehr los.

Ich hab‘ sie alle gehört. Die Bachs und Beethovens, ta-ta-ta-taaa, rauf und runter, erste Reihe, Stuhl vom Konzertmeister und von hinten sägt Ihnen immer jemand am Holz. Aber wissen Sie, welches Stück mir bis heute am meisten in Erinnerung geblieben ist? John Cage, 4 Minuten 33. Musik ohne Musik, tacet, drei Sätze lang. Sie können das lächerlich finden oder genial, Tatsache ist: Es lässt niemanden kalt. Das Nichts rührt an unserer Existenz. Es gab hier einen Stammgast, mit Kopfhörern groß wie zwei Bratpfannen hat er sich ins Cafe gesetzt und Rührei gegessen. Jeden Morgen. Was für ein Kerl. Er hatte diese Art immer ganz vorne an der Kante zu sitzen. Eine Mischung aus Glenn Gould und Woody Allen. Nach ein paar Wochen habe ich ihn gefragt, was er sich anhört. Und er sagt: „Nichts.“ Er setzt sich die Kopfhörer auf, um weniger zu hören. Die teuersten Dinger und hört damit 4 Minuten 33 in Dauerschleife. Seine Straße zum Glück. Es gibt zu wenig Nichts auf der Welt, das wollte ich Ihnen noch mitgeben. Wie oft hätte ich mir zwei Bratpfannenkopfhörer gewünscht, denken Sie darüber nach. Und wenn Sie nach Hause kommen schließen Sie die Tür à la John Cage, einfach so, für mehr Nichts.